Der Held

Er zählte erneut die letzten 51 Cents, die er noch besaß. Es war 7 Uhr morgens, in einem Randbezirk von L.A., wo die Bettler und Unterstandslosen schliefen. Er räumte seine Schlafunterlage fein säuberlich beiseite, entfernte die Zigarettenstummel, die sich in der Nacht angesammelt hatten und begann langsam loszumarschieren. Er schlug den Weg Richtung Innenstadt ein. Dort war es erfahrungsgemäß am besten zu ein paar Dollar zu kommen. Er würde sich in die große Mall setzen, wo die Reichen ihre Einkäufe erledigten und geduldig warten bis ein paar Geldstücke ihren Weg in seine Konservendose fänden. Er hatte gestern ein Schild gemalt. So etwas musste man als Bettler tun, eine Botschaft schicken, am besten in Großbuchstaben, ohne Fehler, damit die Leute sehen, dass man noch eine gewisse Würde hatte. Auf seinem Schild stand: Ich wurde delogiert, weil ich kein Geld mehr für die Miete hatte. Bitte helft mir.

Das brachte es genau auf den Punkt. Vor einigen Monaten war er arbeitslos geworden. Er trank zuviel und war im Job, im Hafen, wo er als Packer arbeitete, unzuverlässig geworden. An manchen Tagen erschien er erst gar nicht zur Arbeit, weil sein Kopf einfach nicht mehr mit machte. Er war auch nicht mehr der Jüngste.

Anfang 50 und hatte wirklich ein Alkoholproblem. Er trank nach dem Aufstehen, während der Arbeit und ihm passierten Fehler. Oft fiel ihm etwas herunter, er ging schon unsicher oder er vergaß welches Paket wo hin gehörte. Er gönnte sich viele Pausen und das fiel auf. Anfänglich sagten die Kollegen nichts. Er war halt „der Trinker“. Man duldete ihn, man kannte ihn, so war er ja ein patenter Kerl.

Aber eines Tages geriet er mit seinem Chef in Streit, weil der ihn ermahnte schneller zu arbeiten. Er war, wie immer, angetrunken und torkelte ins Büro. Dort musste er sich an den Türstock lehnen und seine Fahne schlug dem Chef ins Gesicht. Der stellte ihn zur Rede und unser Mann rastete aus. Die Folge war eine Fristlose.

Das Weitere ergab sich innerhalb kürzester Zeit. Er konnte seine laufenden Rechnungen nicht mehr zahlen und war mit der Miete in Verzug. Das Ende war die Straße, die er jetzt entlang ging, mit zitternden Knien, weil er noch nichts getrunken hatte und auf der Suche nach den ersten paar Dollar dieses jungen Tages.

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